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Rechenleistung in 18 Monaten, Stromanschluss in 10 Jahren
Nicht die Rechenleistung, sondern der Stromanschluss ist der eigentliche Engpass der KI – denn Rechenkapazität entsteht in 18–24 Monaten, passende Netzanschlüsse oft erst ab Mitte der 2030er.

Wer 2026 zusätzliche Rechenleistung für KI plant, stößt selten auf ein technisches Problem. Server sind lieferbar und Kapazität lässt sich in 18 bis 24 Monaten bauen. Der Engpass liegt im Netzgebiet des Frankfurter Betreibers NRM. Leistungsstarke Neuanschlüsse für Rechenzentren sind erst ab Mitte der 2030er Jahre wieder zu erwarten.
Was am Netz hängt
Die Nachfrage übersteigt im Netzgebiet bereits die verfügbare Kapazität und die Anfragen wachsen weiter. Rechenzentrumsbetreiber fragen typischerweise Anschlussleistungen zwischen 50 und 100 Megawatt an, mit steigender Tendenz. Als Gründe für die langen Vorlaufzeiten nennt der Versorger den Leitungsneubau, den hohen städtischen Ausbaubedarf, aufwendige Genehmigungsverfahren und den Fachkräftemangel.
Ausgebaut wird durchaus. Die Netztochter NRM und der Übertragungsnetzbetreiber TenneT erhöhen die Versorgungskapazität in den kommenden Jahren um rund 1.000 Megawatt. Bis 2040 sind über 1.000 Kilometer neue Leitungen geplant, etwa zehn neue Umspannwerke sollen entstehen und der Großteil der bestehenden 40 saniert oder erweitert werden. Das ist ein Programm über anderthalb Jahrzehnte.
Der Bedarf aber wartet nicht so lange. Die IT-Anschlussleistung aller Rechenzentren und kleineren IT-Installationen in Deutschland lag 2025 bei rund 3.000 Megawatt. Auf Cloud-Installationen entfielen davon 1.450 Megawatt, mit einem Zuwachs von 17 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Für 2030 werden etwa 4.850 Megawatt erwartet, davon bis zu 2.000 Megawatt allein für KI.
Warum Kapazität nicht nachkaufbar ist
Geplant ist deutlich mehr, als überhaupt gebaut werden kann. 72 Großprojekte mit zusammen 5.500 Megawatt stehen in der Pipeline, allein für Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet über 2.300 Megawatt.
Daraus folgt eine unangenehme Eigenschaft dieses Marktes. Vorlaufzeit lässt sich nicht mit Geld verkürzen. Wer heute Kapazität für 2028 sichert, hat einen Vorteil, den ein Wettbewerber 2028 nicht mehr durch ein höheres Gebot ausgleichen kann. Das unterscheidet Anschlussleistung von fast jeder anderen Beschaffungsposition.
Sichtbar wird das auch in der Verteilung. Colocation-Rechenzentren stellen inzwischen die Hälfte der deutschen Gesamtkapazität, kleinere IT-Installationen 27 Prozent. Der Trend geht zu vorgehaltener, geteilter Kapazität, weil einzelne Unternehmen die Vorlaufzeiten allein nicht mehr überbrücken. Modulare Rechenzentren begünstigen das zusätzlich, weil sie sich in Stufen erweitern lassen statt in einem Zug.
Für die Standortfrage hat das eine unmittelbare Folge. Wenn in den Ballungsräumen weder Anschluss noch Fläche kurzfristig verfügbar sind, verschiebt sich der Ausbau dorthin, wo das Netz Reserven hat. Denn Strom lässt sich schwerer transportieren als Daten. Bayern führt derzeit mit 100 Megawatt eigens für KI und HPC, Stand April 2026, und zeigt damit, dass die Verteilung bereits in Bewegung ist.
Wer daraus eine Beschaffungsregel ableiten will, kommt auf eine unbequeme: Der Standort wird vor der Technik entschieden. Umgekehrt lässt sich eine gute Technikentscheidung an einem Standort ohne Anschluss nicht retten.
Damit rückt eine Bauform nach vorn, die lange als Nische galt. Edge Computing verlagert Verarbeitung dorthin, wo die Daten entstehen, und Edge-Rechenzentren sind die kleinere, verteilte Antwort auf dieselbe Engpasslage: Sie brauchen einzeln weniger Anschlussleistung, lassen sich an Standorten mit freier Netzkapazität errichten und verkürzen zugleich den Weg zwischen Anwendung und Rechenleistung. Für latenzempfindliche Verarbeitung ist das kein Nebeneffekt, sondern der eigentliche Zweck. Nach einer Gartner-Prognose nutzen bis 2029 rund 60 Prozent aller Edge-Computing-Anwendungen KI oder maschinelles Lernen, womit sich die Kapazitätsfrage aus den Metropolen heraus in die Fläche verlagert.
Europaweit sieht das Bild ähnlich aus. Nach dem Bericht „State of European Data Centres 2026" der europäischen Rechenzentrumsvereinigung könnten zwischen 2026 und 2031 rund 176 Milliarden Euro in Colocation-Rechenzentren fließen, mit dem Ziel, die Kapazität um etwa 70 Prozent auf 28.000 Megawatt bis 2030 auszubauen.
Der zweite Engpass sitzt im Rack
Selbst mit Anschluss ist die Frage nicht erledigt. Effiziente Rechenzentren unterscheiden sich hier von durchschnittlichen weniger im Bauwerk als in der Kühlung. KI-Systeme erzeugen Leistungsdichten, die klassische Luftkühlung an ihre physikalische Grenze bringen. Wo herkömmliche Racks bei etwa 60 Kilowatt liegen, verlangen KI-Workloads nach Angaben aus der Branche 100 bis 150 Kilowatt.
Das verändert die Rechnung an einer empfindlichen Stelle, denn 40 bis 50 Prozent des Stroms eines Rechenzentrums fließen in die Kühlung. Jedes hier eingesparte Kilowatt wird an einem knappen Anschluss doppelt wertvoll. Es senkt nicht nur die Rechnung, es schafft Spielraum für Rechenleistung innerhalb einer feststehenden Obergrenze.
Der Abstand zum Machbaren ist dabei erheblich. Der durchschnittliche PUE deutscher Rechenzentren lag 2024 bei 1,46. Direkte Flüssigkeitskühlung erreicht nach Herstellerangaben Werte bis 1,04. Wassergekühlte Server sind damit keine Nachhaltigkeitsgeste, sondern die Voraussetzung für höhere Dichten. Aus Effizienz wird damit eine Kapazitätsfrage. An einem Anschluss, der nicht wachsen kann, entscheidet der PUE darüber, wie viel Rechenleistung überhaupt dahinter passt.
Die Regulierung zieht in dieselbe Richtung. Rechenzentren, die ab dem 1. Juli 2026 in Betrieb gehen, müssen einen PUE von höchstens 1,2 erreichen und mindestens 10 Prozent wiederverwendete Energie nachweisen, gestaffelt auf 20 Prozent ab 2028.
Damit fallen zwei Anforderungen zusammen, die früher getrennt verhandelt wurden. Effizienz war eine Kostenfrage und Nachhaltigkeit eine Berichtsfrage. Bei knappem Anschluss werden beide zur Voraussetzung dafür, überhaupt mehr Leistung an einem bestehenden Anschlusspunkt unterzubringen. Ein Bestandsstandort mit Luftkühlung und einem PUE nahe dem Durchschnitt hat damit nicht nur ein Kostenproblem, sondern eine Obergrenze, die sich ohne Umbau der Kühlung nicht verschieben lässt.
Drei Fragen vor der nächsten KI-Entscheidung
Bevor ein Vorhaben budgetiert wird, klären diese drei Fragen die tatsächliche Lage:
Kapazität: Ist die benötigte Leistung für 2028 vertraglich gesichert, oder existiert sie nur im Plan?
Rack-Grenze: Wie viele Kilowatt trägt ein Rack am heutigen Standort und was passiert bei 120?
Vorlaufzeit: Wie lange braucht der eigene Netzbetreiber für eine Erweiterung, schriftlich?
Wer auf die dritte Frage keine belastbare Antwort bekommt, hat sein Zeitrisiko nicht im Griff, unabhängig davon, wie gut das Budget aussieht.
Auf dieselbe Logik lässt sich auch die Standortwahl eines Anbieters prüfen. Yorizon baut die YEXIO-Rechenzentren bewusst außerhalb der Ballungsräume, in Heiligenhaus, Bad Lippspringe, Herne, Brake und Dorfen, und setzt auf Wasserkühlung. Ob ein Standort für ein konkretes Vorhaben passt, hängt von seinen Anforderungen, nicht von der Zahl der Standorte.
Fazit
Rechenleistung entsteht in 18 bis 24 Monaten, doch der Stromanschluss dahinter kann ein Jahrzehnt brauchen. Solange sich diese beiden Zeitachsen so weit auseinander bewegen, ist die Standort- und Effizienzfrage keine Nebenrechnung, sondern die Hauptfrage jeder KI-Roadmap.
Quellen
Verordnungstext zu Art. 29 Data Act
https://data-act-law.eu/article/29/Cloud-Repatriation: Zurück aus der Public Cloud
https://www.digital-chiefs.de/cloud-repatriation-2026-public-cloud-hybrid-cios/Cloud Repatriation für den Mittelstand: wann sie sich rechnet, TCO und Egress
https://www.plextec.de/wissen/cloud-repatriation-mittelstand-2026-tco-egressCloud Repatriation 2026 is a statistical illusion
https://www.digital-chiefs.de/en/cloud-repatriation-2026-statistical-illusion/EU Data Act: Cloud-Portabilität wird Pflicht
https://www.cloudmagazin.com/2026/07/15/eu-data-act-cloud-portabilitaet-wechsel-pflicht-2027/EU Data Act: Cloud-Wechsel ohne Egress-Gebühren ab 2027
https://www.webhostone.de/blog/artikel/eu-data-act-cloud-wechsel-ohne-egress-gebuehren-ab-2027EU Data Act: Switching-Pflichten für Cloud-Portfolios
https://www.digital-chiefs.de/eu-data-act-switching-pflichten-fuer-cloud-portfolios/


